| Interview mit Bill Cruz von Omega Research |
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Interview mit Bill CruzDieses Interview mit Bill Cruz (Omega Research) erschien im "Technical Investor" von Sept. 2000 mit freundlicher Genehmigung der RedaktionDie TradeStation von Omega Research gehört heute weltweit zu den erfolgreichsten Chartsoftware-Produkten. Wie waren die Anfänge?Als ich 15 Jahre alt war, rief ein Broker hei uns zu Hause an und dachte, dass mein Vater am Telefon wäre. Jedenfalls erzählte mir dieser Mann eine Stunde lang alles über die phantastischen Möglichkeiten an den Aktien- und Futuresmärkten Geld zu verdienen. Irgendwann stellte er fest, dass ich nicht mein Vater war und beendete schnell das Gespräch. Doch mich hatte das Fieber gepackt. Mit meinem Bruder zusammen eröffnete ich hei einem Broker ein Konto, und wir fingen an zu zocken. Und dann geschah das Wunder. In unserer ersten Woche steigerten wir den Wert unseres Depots von 2400 Dollar auf über 3000 Dollar. Für zwei damals 18 und l5jährige Jungen waren wir nun reich. Natürlich begannen wir uns noch reicher zu rechnen, wenn es von Woche zu Woche so weitergehenwürde. Und am Wochen ende gingen wir dann zu einem Autoverkäufer um die Ecke und schauten uns schon mal die neusten Sportwagenmodelle an. Eine Woche später waren wir fast pleite. Wir waren am Boden zerstört. Unser Traum von finanzieller Unabhängigkeit war dahin. Auf der anderen Seite war es das beste, was uns passieren konnte. Denn ich stellte fest, dass das, was wir aus Büchern oder Zeitschriften gelernt oder übernommen hatten, nicht eins zu eins auf jeden zu übertragen war. Man muss letzt endlich seine eigenen Ideen entwickeln und sie selbst testen. Dc Genau das war das Problem. Es gab keine Programme und keine Software, die es mir erlaubt hätte, genau das zu tun. Ich musste alles mit der Hand machen, was natürlich unheimlich zeitaufwendig war. Also suchte ich mir einen Programmierer, und wir entwickelten zusammen die erste Software-Version, die es mir erlaubte, auf einfachen Wegen meine Ideen umzusetzen und an hand historischer Kurse zu testen. Dann stellte sich heraus, daß viele in meinem Freundes- und Bekanntenkreis dieselben Probleme hatten, und sie baten mich um Kopien der Software. Nach einer Weile häuften sich die Anfragen, und ich begann, das Programm zu verkaufen, um mein Trading-Konto mit Kapital auszustatten. Das Problem war, daß mein Programmier-Freund keine Ahnung vom Markt hatte und es viel zu lange gedauert hätte, ihm alles zu erklären. Also haben wir gleich eine Software mit einer eigenen Sprache entwickelt, die es jedem Anwender erlaubt, selbst seine Trading-Ideen um zusetzen. Denn was hätte es genützt, wenn zum Beispiel für mich der Ausbruch über das High der letzten fünf Tage wichtig ist, aber für jemand anderen das High der letzten zehn Tage maßgeblich ist. Wie schon gesagt, mir war es wichtig, dass jeder in der Lage sein sollte, seine eigenen Regeln auszuprobieren und zu testen. Und das war der Beginn der TradeStation mit der Programmiersprache Easy Language. Die nächsten vier Jahre, von 1953 bis 1987, verbrachten wir damit, das Programm zu verfeinern, welches damals noch Systemwriter hieß. Das Release von Systemwriter 1987 war noch ein End-of-Day-Produkt, und erst die nächste Generation yon 1991, die TradeStation, lief dann mit Real-Time-Daten. ALLES BEGANN MIT EINEM DEAL. EIN FREUND PROGRAMMIERTE MEINE IDEEN - UND ICH SPIELTE DA FÜR SEINE KOMPOSItIONEN AUF MEINER VIOLINEMir wurde schnell bewusst, dass ich als Privatanleger der keine Kontakte in den Finanzmarkt hatte und wichtige Informationen als aller letzter erfuhr, keine andere Möglichkeit hatte, als mich mit Charts zu beschäftigen. Denn in der grafischen Darstellung der Kursverläufe sind letztendlich alle Informationen enthalten, die ein Anleger für seine Kauf- und Verkatifsentscheidungen benötigt. Vor allem schlagen sich Insiderwissen oder Nachrichten, die nur wenigen zugänglich sind, sofort im Chart nieder: lange, bevor sie in den Zeitungen erscheinen. Also begann ich mich intensiv mit Chart-Mustern zu beschäftigen und stellte sehr schnell fest, daß, egal zu welcher Zeit in der Vergangenheit und egal in welchem Markt, sich gewisse Muster ständig wiederholten. Für mich war damals dise Erkenntnis höchst erstaunlich. Heute, nach über 20 Jahren Trading Erfahrung, ist die Erklärung einfach. Egal wie sich die politischen, sozialen oder technologischen Umstände über die Jahre hinweg verändert haben, eins bleibt immer gleich: der Mensch, getrieben von den beiden psychologischen Extrempunkten Angst und Gier. Das wird sich niemals ändern. Und deswegen werden auch in Zukunft immer wieder die gleichen Muster auftreten, denn Kurse werden nun mal von Menschen gemacht. Ich hatte mir ganz zu Beginn viele Bücher von Top-Tradern gekauft, die über den Einsatz von Indikatoren und anderen statistischen Methoden geschrieben haben. Da hab ich mich dann voll hineingefressen. Aber auch ich machte denselben Fehler, wie ihn auch heute noch viele machen, die anfangen, sich für das Thema Technische Analyse zu interessieren: zu denken, dass es den Super-Indikator gibt, der lOOprozentig jeden Boden und jedes Top erkennt. Daß es den nicht gibt und auch nie geben wird, ist ein Lernprozess, durch den alle durch müssen. Aber ich glaube fest daran, daß man mit objektiven Kriterien und klaren Regeln, die gründlich getestet worden sind, sehr erfolgreich sein kann. Das ist zudem auch ein enormer Lernprozess, dem sich jeder unterwirft. Als ich anfing zu handeln, habe ich stets aus dem Bauch heraus entschieden. Und - oh Wunder - ich lag sehr, sehr häufig daneben und wusste noch nicht einmal warum. Eigentlich stand ich sogar kurz davor, ganz aufzugeben. Dann schrieb ich mir meine Handelstegeln auf und testete sie an hand historischer Daten. Dadurch verbesserte sich mein Trading über die Zeit enorm, denn das Testen machte mich auf meine Fehler schnell aufmerksam. Der absolute Wendepunkt für mich. Über die Jahre kamen Sie mit vielen Tip-Tradern in Kontakt. Gab es da bestimmte Eigenschaften, die alle diese erfolgreichen Händler und Anaylsen gemeinsam hatten? Ja, ich hatte diesbezüglich wirklich sehr viel Glück. Viele von den heutigen Top-Tradern benutzten damals, lange bevor sie berühmt wurden, schon die TradeStation. Ich hatte die Möglichkeit, sie alle sehr gut kennen zu lernen und von ihrem Wissen zu profitieren. Und da gibt es eine Sache, die ich bei allen erfolgreichen Tradern gesehen habe: alle analysieren genauestens, was sie machen. Was habe ich richtig gemacht, was habe ich falsch gemacht? Alle haben sie eine Strategie mit klar definierten Regeln. Wenn das und daspassiert, dann kaufe ich, und wenn das und das passiert, dann verkaufe ich. Klingt ja recht einfach. Warum gibt es dann so wenige erfolgreiche Trader?Der größte Feind für den Erfolg als Trader sind Emotionen - die menschlichen Gefühle von Angst und Gier. Unsere Instinkte senden uns die absolut falschen Signale zum falschen Zeitpunkt. Wir kaufen aus Gier am Markt-Top und verkaufen aus Angst vor noch mehr Verlusten am Tiefpunkr. Kein Mensch kann sich von diesen Emotionen befreien. Ich glaube, das beste, was man machen kann, ist, diese Emotionen zu isolieren. Man muss versuchen, die Börse und ihre Kursbewegungen von einem akademischen Standpunkt aus zu sehen. Analysiere die Chartmuster, teste die Indikatoren und lege eindeutige HandelsregeIn fest. Und dann das wichtigste: Halte dich an deinen Plan, egal was der Bauch auch sagt. Ein Anfänger steh ja sehr oft vor dem Problem, dass er noch nicht genau weiss, wie seine Handelsregeln aussehen sollen. Was raten Sie ihm?Im Prinzip gibt es drei verschiedene Arten von Strategien. Erstens die Momentum-Strategie, die nach Titeln Ausschau hält, die Stärke für einen langfristigen Trend auf bauen. Zweitens die Widerstands- und Unterstützungs-Strategie, bei der Trader bei fallenden Kursen in der Nähe von wichtigen Unterstützungen kaufen und bei steigenden Kursen in der Nähe von Widerständen verkaufen. Drittens die Event-Strategie, die auf Ausbrüchen zum Beispiel aus Chart-Patterns reagiert. Mit der TradeStation hat der Anleger nun die Möglichkeit, sein Profil verlust- und damit schmerzfrei auszutesten und herauszufinden, womit er sich am wohlsten fühlt und womit er sich identifizieren kann. Und erst wenn man sich dann für eine Strategie entschieden hat, beginnt die wirkliche Arbeit, klare Regeln für ein Handelssystem zu erarbeiten. ALLE TOP-TRADER HABEN EINS GEMEINSAM: SIE ANALY SIEREN IHR TUN HAARGENAUAlso geht es erst einmal darum, sich selbst kennnezulernen?Richtig, keine Stratetegiegie ist immer und in jedem Markt erfolgreich. Und Misserfolge lassen sich wesentlich besser wegstecken, wenn ich mich insgesamt mit der Methodik wohl fühle und hinter dem selbst erstellten Handelssytem stehe. Anfang Juni war in New York die Omega World, die größte Fachmesse für Tefchnische Analysetne. Waren Sie zufrieden mit der Veranstaltung?Ich bin sehr glücklich darüber daß sich die TradcStation inzwischen als der weltweite Standard für das Testen von Handelssystemen durchgesetzt hat. Es istschon immer die Philosophie von Omega gewesen, daß jeder Trader eine Strategie haben sollte. Und die TradeStation versetzt nun jeden in die Lage, seine Strategie auf Herz und Nieren zu testen. Unsere Kunden sind kaum Leute, die mal ab und zu auf Charts schauen. Die TradeStation wird von Tradern genutzt, die Stunden, Tage und Monate damit verbringen, ihre Ideen in Easy Language zu programmieren und zu testen. Unter dem Strich ist die TradeStation mehr als nur eine Software. Sie ist eine Philosophie und ein wichtiger Bestandteil im Leben unseres Kunden geworden. Schließlich wurde an uns herangetragen, einen Event zu organisieren, auf dem sich die weltweit in lokalen Omega-User-Groups organisierten Kunden treffen und austauschen können. So enstand die Omega World vor drei Jahren. Viele unserer Kunden haben uns erzählt, daß es bei anderen Veranstaltungen keine klare Linie gibt Man geht in den einen Vortrag und da bekommt man erzählt, daß die Elliot-Wave Theorie die einzig wahre Methode ist. Im nächsten Vortrag heißt die Erfolgsformel Pomt & Figure, und im nächsten Candlesticks. Während der Omega World ist das anders. Bei uns dreht sich alles um die Entwicklung von Strategien. Unsere Redner wie Ralph Acampora oder Larry WiIliams erzählen über die Art und Weise, wie sie für sich Strategien entwickeln und welche Herangehensweise sie haben. In den Vorträgen geht es nicht darum, ob Pomt & Figure Charts die beste Analysemethode ist, sondern wie man mit Hilfe von Pomt& Figure-Charts eine erfolgreiche Handelsstrategie konzipieren kann. Wir hatten in den drei Tagen in New York fast sechzig erstklassige Redner. Das positive Feedback unserer Kunden war riesengroß. Natürlich nutzen wir die Omega World auch dafür, neue Produkte vorzustellen. In diesem Jahr war es das Produkt TradeStation.com. Können Sie uns ein wenig mehr darüber erzählen, wie sie sich von der klassischen TradeStation unterscheidet?Historisch betrachtet ist Omega ein Software - U n t er nehmen. Worum wir uns aber bisher kaum gekümmert hatten, war die Zulieferung von Daten und auch die Ausführung der Kauf- und Verkauforders. Wir haben unsere Kunden bisher immer an andere Adressen verwiesen. Was unsere Kunden an uns herangetragen haben, war der Wunsch, alles aus einer Hand zu bekommen: Analyse-Software, Daten und Order-Execution. TradeStation.com, die in wenigen Monaten freigegeben wird, ist weniger eine Software, als ein kostenpflichtiges Internet Produkt. Der Service wird etwa 200 Dollar im Monat kosten. Dafür erhält der Kunde ein Passwort. Damit loggt er sich im Internet ein und ihm stehen alle Funktionen der Trade Station, wie sie ihm durch die Software-Version schon vertraut sind, zur Verfügung plus die automatische Daten-Versorgung in Echtzeit. Und wie funktioniert die Anbindung an die verschiedenen Börsenplätze?Viele unserer Kunden sind auch Short-Term-Trader. Diese beschwerten sich, daß der konventionelle Weg über eine Bank oder einen DiscountBroker viel zu lange dauert, bis es zur Ausführung der Order kommt. Manchmal können Sekunden entscheidend sein. Wenn dann die Orderausführung sogar einige Minuten dauert, ist das eine Katastrophe und ruiniert jedes Handelssystem. Jetzt bietet die TradeStation.com den Zugang zu den Börsen in Sekundenschnelle. Anmerkung des Clubs: Dir TradeStation.com ist mittlerweile unter dem Namen TradeStation 6 am Markt. Mein Handelssystem generiert also ein Signal, und die Order wirdautomatisch weitergeleitet? Ohne weiteres menschliches Zutun? Was ist mit Fehlsignalen auf Grund fehlerhafter Daten, womit jeder Daten provider zu kämpfen hat?Rein technisch wäre das möglich Aber wir haben einen Kontrollmechanismus eingebaut. Wenn das Handelssystein anschlägt, dann erscheint ein Pop-Up Fenster und der Trader muss die Order noch bestätigen. In der nächsten Version kann der Kunde dann aber entscheiden, ob er das Pop-Up sehen möchte oder nicht. Es war für uns deshalb ganz wichtig, auch die Datenseite unter Kontrolle zu bekommen. Und wir werden in die Datenqualität sehr viel investieren. Ein vielversprechendes Projekt. Welche Bausteine gehören noch dazu?Auf der einen Seite gibt es die TradeStation nun als Internet-Version. Mit "Window-on-Wallstreet" haben wir eine Firma aus Dallas übernommen, die in den letzten drei Jahren eines der meiner Ansicht nach besten Systeme zur Lieferung von Real-Time-Daten gebaut haben. Und kürzlich haben wir Onlinetrading.com gekauft, die eine langjährige Erfahrung mit schneller Online-Orderausführung haben. Im Prinzip ist es ein Zusammenschluss aus drei Unternehmen, die sich hervorragend ergänzen. Dieser Merger wird im Juli, August über die Bühne gehen, und das neue Unternehmen wird dann in TradeStation umbenannt. Sie sehen, alles soll sich nur noch um den Markennamen TradeStation drehen. Wie hat die Beta-Version von der TradeStation.com bisher eingeschlagen?Hervorragend, weil viele noch nicht damit gerechnet hatten, daß so etwas möglich wäre. Schärzungsweise zehn Prozent der aktiven Trader sind für 90 Prozent der Umsätze verantwortlich. Das ist die Kundengruppe, die wir ansprechen und denen wir mit TradeStation.com nun die optimale Lösung vieler ihrer Probleme bieten: Erstellen und Testen einer eigenen Strategie, unkomplizierter Zugang zu Echtzeit-Daten und sofortige Order-Ausführung. Die Ergebnisse vieler Trader werden sich schlagartig enorm verbessern, da bin ich mir sicher. Anmerkung des Clubs: Die neue TradeStation wurde mittlerweile durch die Zeitschrift Barron´s zur Nummer 1 gekürt. Zum Schluss: Was halten Sie von den Märkten?Das Rauf und Runter der Börsen derzeit haben wir in der Vergangenheit schon öfters erlebt. Was sich verändert hat, ist die Schnelligkeit, in der sich die Märkte bewegen. Ein Kursantieg, für den eine Aktie vor Jahren noch Wochen benötigt hat, vollzieht sich heute manchmal an einem Tag. Aber das ist auch eine große Chance für die Technische Analyse insgesamt. Denn endlich stellen die Anleger fest, daß fundamentale Daten in keinster Art und Weise ausschlaggebend sind. Es ist die Interpretation von Nachrichten, Daten und Infermationen, die über Kursverläufe und Entwicklungen entscheidet. Für die Interpreta tionen sind Menschen verantwortlich.Und Menschen werden von Emotionen getrieben - hin und her gerissen zwischen Angst und Gier. Wird das dem Anleger verständlich gemacht dann steht dem endgültigen Siegeszug der Technischen Analyse nichts mehr im Wege. zur Artikelübersicht
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